Meilenstein 01 – Connectivism und eine App

Jochen Robes hat mich in seinem Weiterbildungsblog auf das beeindruckende Video „Thoughts on Connectivism“ von Debbie Kroeker auf vimeo aufmerksam gemacht. Es beginnt mit dem kompromisslosen Satz von George Siemens: „Have you ever thought about how completely irrelevant structured learning is?“ und zeigt am Beispiel des grandiosen Chor-Projektes von Eric Whitacre die Kraft, welche hinter (sozialen) Netzwerken stecken kann („Connectivism“).

Die Entstehung zeigt Whitacre übrigens sehr schön in einem TED Talks-Vortrag.

Siemens‘ Aussage würde ich in seiner Radikalität so nicht stehen lassen, aber sie regt doch – zumindest mich – zum Nachdenken an. Sie bildet einen attraktiven Gegenpol zu dem, was die meisten von uns in der eigenen schulischen Biografie kennenlernen mussten und uns nun vielleicht bei den eigenen Kindern aus anderer Perspektive neu begenet. Wer hat das neulich so treffend „Bulimie-Wissen“ genannt?

Aber auch das ist ungerecht – an so manche Lehrerin oder manchen Lehrer erinnert man sich gerne zurück, weil diese anders waren und der Funke ihrer Faszination am Fach auf uns überspringen konnte. So entstand aus institutionell organisiertem Lernen doch plötzlich das, was wir heute vielleicht mit intrinsischer Motivation am Thema bezeichnen würden.

Unterstützung meines Lernens mit einer App

Vor ein paar Tagen erst habe ich mir einen Datenvertrag zum (Android-)Smartphone gegönnt und durfte sehr schnell erkennen, wie Technik Lernen entscheidend unterstützen kann: Ich muss gestehen, dass mein Englisch-Wortschatz die eine oder andere Lücke aufweist. Normalerweise habe ich für solche Fälle mein Leo.org, um die Wörter nicht nur nachzuschlagen, sondern auch gleich in den Trainer zu übertragen. Kostet leider i.d.R. Zeit und hemmt den Lesefluss erheblich, zu viele Schritte sind nötig und lenken vom eigentlichen Thema ab. Bei Debbie Kroeker habe ich es zudem  mit einem Video zu tun, copy & paste wollen da auch nicht so recht funktionieren.

Hier kommt nun „meine“ App ins Spiel. Ihr Name: CamTranslator. Ich halte das Video an, richte die Kamera meines Smartphones auf das unbekannte Wort auf dem Bildschirm und erhalte sofort die Übersetzung. Meine Irritation wegen der fehlenden Vokabel ist aufgehoben, weiter geht’s. Noch zwei weitere kurze Unterbrechungen und das Video hinterlässt mich nachdenklich. Auch wegen des Inhaltes, aber viel mehr noch wegen der Art, wie ich mir gerade Wissen angeeignet habe. Kein umständliches und ablenkendes Nachschlagen wie früher im Wörterbuch (erst in der gedruckten Fassung, dann am PC, schließlich online), bis ich die Seite endlich gefunden habe. Nun einfach Kamera draufhalten und weiterlesen. So einfach wie ein Toaster:

Und ich frage mich, wie lange wird es dauern, bis solche Werkzeuge etabliert sein werden und Smartphones (oder Tablets oder was auch immer) nicht als Feind, sondern als nützliche Helfer auch in den Schulen Einzug halten werden. So wie einst der Taschenrechner vielleicht.

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6 Responses to Meilenstein 01 – Connectivism und eine App

  1. gibirger sagt:

    Shalom Frank,

    die Frage nach der Etablierung ist für mich schon beantwortet. In meinen Erwachsenenkursen arbeiten viele Leute mit Notebooks und Smartphones. Vor 11 Tagen war ich verblüfft, das ein Drittel aller Teilnehmer Cam Translator im Unterricht benutzte.
    Es liegt einfach daran, das SoMe als Teil des Alltags begriffen wird. Vielleicht interessiert Sie mein Beitrag den ich heute in meinem Fortbildungsblog veröffentlicht habe.
    http://gibirger.wordpress.com/2011/05/10/ecamp/

    • frawadi sagt:

      Hallo Eva,

      danke für den interessanten Link, vor allem aber auch für den Beleg, dass die KursteilnehmerInnen bzw. SchülerInnen die Möglichkeiten nutzen, wenn man sie nur läßt.

  2. F. Wessel sagt:

    Hallo,
    ich gestehe, ich bin schier begeistert von einigen Apps. Und doch rührt sich der oldfashioned Bildungsbürger in mir: Warum benötige ich eine App, um das Wort „museo“ in „Museum“ zu übersetzen? Zugegeben eine fast polemische Frage, wo ich eine solche App bei chinesischen Schriftzeichen sehr hilfreich finde 😉 Aber geht nicht die Kontextualisierung von neuen Eindrücken/Information und Wissen verloren? Und vor allem, wenn die Synapsen nicht mehr schalten und kombinieren, was bleibt dann haften?

    • frawadi sagt:

      Hallo Frank,

      bei den Beispielen im Video bin ich ganz bei Ihnen – die sind wirklich saublöd gewählt, da bin ich auch gleich drüber gestolpert – habe aber nichts besseres gefunden, was die App in einer Minute auf den Punkt bringt.
      Bei Thema „Kontextualisierung“ bin ich hingegen anderer Meinung, denn mein Ziel beim Betrachten des „Connectivism“-Videos lag nicht im Vokabellernen, sondern im Gesamtverständnis. Meine Wortschatzlücken verhinderten gerade dies und CamTranslator gab mir den Kontext zurück, ohne dass ich meine Gedanken abreißen lassen musste. Feuer frei an den Synapsen – es gab schon Gedrängel!
      Hätten sich die Neurotransmitter aber schon nur träge, faul und widerwillig den Synapsen genähert, um dann die App nur als Vehikel mit dem Ziel zu nutzen, Eigenbewegung gänzlich zu vermeiden (also sich beispielsweise sogar geweigert hätten, „museo“ in „Museum“ zu übersetzen), dann sind wir wieder ganz beieinander.

      • F. Wessel sagt:

        Hallo Frank,
        Martin Wellenreuther nennt solche Informationseinheiten am Eingang des Arbeitsgedächtnisses „Chunks“ und sagt, dass davon nur etwa sieben gespeichert und verarbeitet werden können. Sind die Chunks komlex und/oder das Vorwissen gering reduziert sich diese Zahl noch.
        Mir wird daran mal wieder deutlich, dass Lernen eben ein komplexer Prozess ist und jeder am gleichen Lerngegenstand andere „Lern-Baustellen“ hat.

  3. […] dem Frawadis-Blog liest man dazu: “Jochen Robes hat mich in seinem Weiterbildungsblog auf das […]

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